Eine doppelte Prise Hafencharme

Wieder weckte mich heute das Tuten und ich blickte in die wachen Augen meines Sohnes: Er saß in seinem Bett und lauschte. Keine Ahnung, wie lange schon. Also gab es nach dem Frühstück nur eins: mit dem Acensor Conception – einer Art Lift auf Schienen – runter in den tiefer gelegenen Teil der Stadt, vorbei an der Placa Sotomajor und den darauf ausgestellten historischen Feuerwehrautos – und rein ins Getümmel des Hafens.

Vor den Liften, die jeden der steilen Hügel mit den auf Meeresspiegelniveau liegenden Stadtteil Valparaisos verbinden warnt das Auswärtige Amt: Sie seien nicht sicher. In Valparaiso schert das niemanden: Jeder benutzt die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten ruckelnden Holzboxen. Also auch Levi und ich. Levi erst mit weißer Nase. Wegen des doch erheblichen Anfangsruckeln. Beim dritten Mal drückt er routiniert der Kassiererin die 300 Pesos in die Hand.

Wir haben keine Lust, uns ein Boot mit 20 Japanern zu teilen, die auch gerade am Hafen ankommen. Also mieten wir ein Fischerboot mit Kabine für eine private Hafenrundfahrt. Kostet 25.000 Pesos, dauert 30 Minuten und ist ein wunderbares Erlebnis. Vorbei an den riesigen grauen Kriegsschiffen, den Schwärmen von Fischerbooten und Frachtschiffen aus aller Welt. Insbesondere die gigantischen Kräne, die die Massen an Containern präzise herumfliegen lassen beeindrucken Levi – und mich auch. Auf einigen der Boote und Bootsstege liegen Seelöwen und kratzen sich mit der Schwanzspitze am Hals. Im Hintergrund ragen die Hochhäuser des Badeortes Vina del Mar auf – wie Southbeach in Miami hat unser Fahrer nach Valparaiso gesagt und verächtlich durch die Nase geschnaubt. Mir hat South Beach gefallen – also schreibe ich Vina auf meine imaginäre to do Liste. Atemberaubend ist der Blick vom schwankenden Fischerboot auf die 45 Hügel der Stadt: eine bunte Mischung südamerikanischer Lebensfreude gepaart mit Syltcharme – denn hier ist es  trotz bevorstehendem Hochsommer 20 Grad kühl und windig.

Stilecht folgen wir der Empfehlung unseres Kapitäns und fallen wenig später in das Restaurant Caleta Portales ein. Hingebracht hat uns ein Comunario – ein Taxi, dass man mit anderen Fahrgästen teilt. Als ich meine Hand an der Sotomajor hob, um ein normales Taxi heranzuwinken, war ich erst enttäuscht, als ich einen anderen Fahrgast im Taxi ausmachen konnte. Da der Fahrer uns dennoch heranwinkte und auch der weibliche Fahrgast freundlich lachte, steckte ich meinen Kopf herein und frage: “Caleta Pirtales?” “Si, si” war die Antwort. Kurz darauf stiegen noch eine junge Frau und ein Kapitän  ein und mir war klar: das ist kein normales Taxi. Jeder der Fahrgäste gab dem Fahrer bei rasanter Fahrt entlang der Küste Valparaisos 500 Pesos in die Hand – ungefähr einen US Dollar – und wenn ich das richtig verstanden habe, kann man dafür bis nach Vina del Mar und darüber hinaus fahren. Diese Comunarios brausen durch die gesamte Stadt und ich nehme mir vor, auch andere Routen auszuprobieren – und uns einfach irgendwo hinbringen zu lassen. Mal sehen was dann passiert. So fühlt sich Reisen richtig an, finde ich. Einfach ausprobieren. Schauen, wo ich , wo wir landen.

Die Caleta Portales ist eine kleine Bucht, an der Fischer ihre Fänge den umliegenden Restaurants und ansässigen Großhändlern anbieten. Sie besitzt  einem kleinen, nach herkömmlichen Kriterien angeschaut sicher nicht schönen Strand und einige Fischrestaurants. Aber für mich ist die Caleta perfekt: Sie passt zu dem industriig-ratzigen understatement Charme Valparaisos.

Das Caleta Portales Restaurant sieht aus wie ein hölzerner Dampfer. Im Eingang grüsst der Wassermann, innen ist auch alles aus warmem Holz. In den knautschigen Lederstühlen versinken wir und Levi isst seinen ganzen Fisch auf. Wirklich leckeres Essen: beste Zutaten, einfach zubereitet. Das Restaurant passt perfekt zu dem Künstler-Kolonial-Industrie-Charme, den Valparaios versprüht.

Heute habe ich mich überwunden und das erste mal mein gemietetes Auto bewegt. Unter den wachsamen Augen Levis und etwas nervös trat ich die Fahrt zum Pablo Neruda Haus, der Sebastiana, an: Durch ein Meer aus steilen engen oft kopfsteingepflasterten Einbahnstrassen umsäumt von mal mehr mal weniger gut erhaltenen bunten Häusern, das immer wieder atemberaubende Blicke auf das Hafenbecken freigab fuhr ich zunehmend euphorisiert entlang der Avenida Alemania Richtung Cerro Florida. Je mehr ich fuhr, desto mehr spürte ich die Kraft dieser Stadt. Eine besondere Energie, eine Aufforderung: Mach was! Valparaiso ist wirklich inspirierend.

Wie in Venedig ist es hier besonders schön, sich zu Fuß oder auch per Auto treiben zu lassen, verloren zu gehen und nach Bauchgefühl in einem der Millionen Cafes eine Pause einzulegen. Für Menschen, die wie ich eigentlich keinen besonderen Wert auf die klassischen Sehenswürdigkeiten legen ist Valparaiso eine Schatzkiste: hinter jeder Ecke wartet ein Blick, ein kleines Geschäft, ein Mensch mit einer Geschichte. Ein sehr bunter, sehr kraftvoller Ort.

Am frühen Abend sitze ich auf der Strasse vor dem Cafe Desconocido, esse Tapas Artesanales und genieße ein Glas Wein, während die Sonne untergeht, Levi Tauben jagt und hie und da einen Löffel mit Tapas vermischtem Reis zu sich nimmt.

Der Gegensatz zu Trancoso könnte nicht größer sein – dort der perfekte stylische bohemian Beachort, hier die ratzig-liebevolle Industriestadt mit eine Prise Künstlerflair.

Eine sehr anregende, durchschüttelnde Kombination!